Velbert/Tönisheide. Vor 75 Jahren, am 12. Dezember 1935, verkündete die politische Strafkammer des Oberlandesgerichts Hamm das Urteil gegen die bis dahin größte antifaschistische Widerstandsgruppe in Velbert.
Nachdem seit Februar zunächst mehr als 100 Arbeiter verhaftet worden waren, standen jetzt 80 vor Gericht. 77 von ihnen wurden zu insge-samt 156 Jahren Zuchthaus und zu fast 16 Jahren Gefängnis verurteilt.
Der Velberter Prozess war einer der ersten in einer Reihe von zwölf Prozessen, die als Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse international große Proteste gegen die Nazijustiz, aber auch eine starke Solidaritätsbewegung auslösten. Eine Reihe der Verurteilten wurde nach Ablauf der Strafe in Konzentrationslager verschleppt, zwei Velberter verloren ihr Leben in Auschwitz und Sachsenhausen. Drei Velberter wurden erst 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit.
Zusammenhalt
Für mehr als 100 Velberter Familien stand Weihnachten 1935 unter keinem guten Stern. Schon 1934 waren mehr als 30 Velberter von der Nazijustiz verfolgt worden. So fehlten in den Familien Väter, Brüder, aber auch Schwestern. Sieben der 77 Verurteilten waren Frauen, sie hatten eine wichtige Rolle in der Organisation gespielt. Ich selbst war damals fünf Jahre alt, hatte aber schon zum zweiten Mal die Verhaftung meines Vaters erlebt. 1933 hatten ihn die Nazis für elf Monate in das KZ Börgermoor eingesperrt, jetzt war er als Tönisheider Hauptangeklagter zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Es waren schwere Jahre für alle betroffenen Familien, so auch für uns. Sie waren nur auszuhalten durch den Zusammenhalt der Familie. Doch in meiner Erinnerung bleibt auch etwas anderes. Im damals immer noch roten Tönisheide gab es eine große Solidarität unter Nachbarn, unter den Arbeitern, aber auch bei einigen Geschäftsleuten. Nicht zuletzt war ich dabei der Nutznießer, dem immer wieder etwas Gutes zugesteckt wurde. So waren wir waren zwar arm, aber zu keiner Zeit ausgegrenzt.
Die Urteile im Dezember 1935 waren härter als die in den Vorprozessen. Die Gestapo und die NSDAP waren nervös geworden, als sie erkannten, dass trotz aller vorhergehenden Verfolgung unter ihren Augen eine relativ große, aktive Widerstandsbewegung entstanden war. Beunruhigt war die NSDAP, weil sich in diesem Widerstand Menschen zusammenfanden, die vorher sehr unterschiedlichen Strömungen angehört hatten.
Zwar war die illegale KPD der Initiator, doch der Prozess zeigte, dass in den illegalen Gruppen auch bekannte Sozialdemokraten, viele Parteilose und selbst einige unzufriedene Nazianhänger mitwirkten. Ihr gemeinsames Ziel war der Wiederaufbau der von den Nazis unterdrückten freien Gewerkschaften. Die Sorge um den Frieden wuchs angesichts der sichtbaren Anzeichen der Kriegsvorbereitung. Unzufrieden waren vor allem die Arbeiter, weil die Notverordnungslöhne von 1932, deren Aufhebung die Nazis versprochen hatten, weiterhin galten. Auf alle diese Stimmungen hatten die Illegalen mit ihren Materialien eingewirkt.
Beim Aufbau aktiv
Nicht ohne Erfolg. Innerhalb weniger Monate waren in 14 Velberter Betrieben Gruppen der freien Gewerkschaft entstanden, in denen Kollegen zusammen arbeiteten, die sich vor 1933 als Teil unterschiedlicher Gewerkschaftsrichtungen bekämpft hatten.
Einige der damals Verurteilten, wie Hugo Ortmann und Jupp Rath gehörten 1945 zu den Initiatoren beim Wiederentstehen der Gewerkschaften in Velbert unmittelbar nach Kriegsende. Andere waren aktiv beim Aufbau demokratischer Verwaltungen und in den ersten Kommunalparlamenten.
Quelle: Günter Judick, in der WAZ vom 3.12.2011
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